Unmittelbare Wettkampfvorbereitung – Carboloading
Der Plan sah vor, Freitag 700 g KH und am Samstag 350 g KH möglichst ballaststoffarm zuzuführen, am Freitag mittels Nudeln und Maltodextrin-Wasser-Gemisch, am Samstag Gummibärchen und wiederum zusätzlich ein Maltodextrin-Wasser-Gemisch. Da ich den Nudelberg am Freitag nicht schaffte, aß ich ersatzweise bereits Gummibärchen.

Swim: 3,8 km in 1:19:28 h |20:55 Min/km
Meine Befürchtungen, dass ich ohne Kaffee am Sonntagmorgen mein Geschäft nicht erledigen kann, traten ein. Um 3:45 Uhr ging der Wecker, um 4:30 Uhr fuhren wir mit dem Bus zum Fühlinger See. Ich platzierte meine Radkleidung in der Wechselzone, pumpte die Reifen nochmal auf 7.5 bar auf. Zweimal versuchte ich vorm Schwimmstart, mich auf dem Dixiklo zu erleichtern, mit sehr mäßigem Erfolg. Das Bild entstand wenige Minuten vorm Start.
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Kurz bevor ich ins Wasser stieg, rief mir ein Kumpel zu und ich freute mich sehr, dass er schon zum Schwimmstart vor Ort war, Danke Rosti! Ich begrüßte ihn noch schnell, bevor ich in den angenehm temperierten See stieg. Die erste Sorge löste sich bereits beim Einschwimmen in Luft auf, die Brille war dicht und ich sehr erleichtert. Ich hatte mich ins vordere Drittel eingereiht und fand nach dem Startschuss schnell meinen Rhythmus. Anfangs gab es hier und da mal Körperkontakt, der mit zunehmender Schwimmdauer weniger wurde, weil sich das Feld auseinandergezogen hatte. Als ich nach einiger Zeit beim Atmen die 1000 m Markierung sah, hatte ich das Gefühl, schon weiter geschwommen zu sein. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis die Wendeboje in Sichtweite war. Ein Blick auf die Uhr verriet, dass ich die Zielzeit verfehlen würde, 38 Minuten bis dahin, egal! Ich behielt das Tempo bei, wollte mich keinesfalls wegen ein paar Minuten unnötig verausgaben. Auf dem Rückweg achtete ich gezielt auf die Kilometermarkierungen und hoffte, dass diese zur Ruder- und nicht zur Schwimmstrecke gehören. Leider doch, wie sich rausstellte. Ich hatte zwar keinerlei Probleme, die Distanz zu bewältigen, wollte es einfach nur hinter mich bringen und aufs Rad steigen. Das Ziel rückte nur zeitlupenartig näher, bis es schließlich doch in greifbarer Nähe war und ich die Treppenstufen des Ausstieges unter Wasser sehen konnte. Dort half man mir, auf die Beine zu kommen. Nach einem Blick auf die Uhr registrierte ich , dass ich meine Zielzeit um 4 Minuten verfehlt hatte. Dennoch war ich glücklich, es geschafft zu haben und aufs Rad steigen zu dürfen. 1-DSC_5903

Wechsel 1 : 6:56 Min
Der Wechsel dauerte wie schon in Hannover bei der Mitteldistanz eine halbe Ewigkeit! Forerunner ablegen, Neo, Badekappe und Schwimmbrille ausziehen und in den dafür vorgesehen Beutel einpacken, abtrocknen, Radtrikot, Socken, Radschuhe, Armlinge und Halstuch anziehen, den Forerunner wieder anziehen und die Sportart auf Bike umschalten, die Radbrille aufsetzten und den Helm nicht vergessen. Achja, die Startnummer fehlte noch, dann sollte es los gehen. Doch der Radcomputer hatte sich während des Schwimmens ausgeschaltet, das Einschalten und Warten auf die Anzeige kostete ebenfalls nochmal ein Minütchen. Endlich gings auf die Piste!

Bike : 177 km in 5:28:28 |32,2 km/h|144 (82%)|161(92%)
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Es war exakt wie bei der Mitteldistanz Anfang Juni, eine Orientierung am Puls war insbesondere anfangs, aber auch später nahezu unmöglich, dieser war durch die Vorbelastung und den Wettkampfstress viel zu hoch, um ihn mit meinen Trainingsausfahrten vergleichen zu können. Selbst extrem langsames Kurbeln ließ den Puls kaum sinken. Mir blieb auch diesmal nichts anderes übrig, als nach Gefühl zu fahren. Nach wenigen Minuten piepste der Forerunner, das Signal, mich zu verpflegen. Von diesem Zeitpunkt an hielt ich mich strikt an die 30 Minuten Regel wie beim Training, jeweils 1 Gel und 6 Züge aus dem Trinkbeälter, ca. 2.5 Liter für
6 Stunden. Beim Training musste ich immer bereits innerhalb der ersten Stunde pieseln, hier im Wettkampf hatte ich selbst nach 3 Stunden noch keinen wirklichen Harndrang. An strategisch günster Stelle machte ich dennoch einen Pinkelstop und drückte wie ein Weltmeister, bis nach gefühlter Ewigkeit einige Tropfen ins Gras rieselten. Es bleib bei diesem einen Mal, seltsam.
Die Strecke ließ sich gut fahren, flach, allerdings einige Baustellen, sowie hier und da Schlaglöcher und an einer Stelle mehrere fünf Zentimeter dicke Bretter, die mit Gummimatten bedeckt waren. Erwartungsgemäß waren einige Passagen sehr windanfällig, da fiel der Schnitt stadtauswärts manchmal deutlich unter 30 km/h, auf dem Rückweg Richtung Köln kam ich dafür in den Genuß von Rückenwind, wo ich etwas Druck raus nahm, um den Beinen kurze Zeit Erholung zu gönnen. In Runde 2 verfolgte mich ein Radfahrer, der den Windschattenabstand nicht einhielt, ein „Lutscher“ dachte ich zunächst. Ich fragte ihn, ob er vorbei wolle und forderte ihn auf, doch bitte zu überholen. Er sei ein Hobbyfahrer, sagte er. Offensichtlich wollte er mich herausfordern. Ich bat ihn ein zweites Mal mich zu überholen, um Ärger mit Kampfrichtern zu vermeiden. Doch er meinte, wenn ich nichts in den Beinen hätte, dürfte ich nicht so ein Trikot tragen! Ich beherrschte mich, nicht verbal zu entgleisen und ignorierte ihn. Er klebte weiterhin an meinem Hinterrad und als er nach ein paar Minuten endlich abbog, rief er mir nochmal hinterher, ich solle es lassen, wenn ich nichts in den Beinen hätte. Idiot kann ich dazu nur sagen.
Von Runde zu Runde wurde es einsamer und zugleich angenehmer auf der Strecke, ich brauchte nicht mehr so oft antreten, um zu überholen, sondern konnte mein Tempo fahren. Überholt wurde ich, während die Mitteldistanzler noch nicht auf der Strecke waren, nur von einer handvoll Athleten, die schnellen Fahrer waren offensichtlich auch bessere Schwimmer als ich und somit schon längst davon gebraust. Auf dem Rückweg der letzten Runde stießen die Mitteldistanzler dazu und rauschten teilweise mit einem Affenzahn an mir vorbei. Überholen wurde zunehmend schwieriger , aber ich nutzte jede Gelegenheit, die sich bot und nicht zuviel Kraft kostete. Erleichtert erreichte ich nach knapp 5 1/2 Stunden die Zielgerade, freute mich über die Punktlandung bzgl. der erreichten Zeit (etwas schneller, weil Strecke 3 km kürzer) und endlich in aufrechter Haltung Laufen zu dürfen. Diese Freude währte nicht lange!

Wechsel 2 : 3:29 Min.
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Auch der zweite Wechsel ging nicht wirklich schnell von statten, insbesondere deshalb, weil ich auf dem Weg zur Laufstrecke bemerkte, dass ich meinen Tringurt am Wechselplatz vergessen hatte und nochmal zurücklief. (was ich mir hätte sparen können, weil ich ihn kurze später ohnehin wegwarf)

Run : DNF (did not finish)
Als ich durch die Wechselzone lief, schien noch alles in Butter! Doch dass Lächeln sollte mir bald vergehen.
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1-DSC_5932Ich lief mal wieder zu schnell los, Pace um die 5:00, was ich aber sofort korrigierte. Bereits nach wenigen Minuten braute sich etwas in der Magen-/Darmregion zusammen. Ich vermutete, dass ich zuviel KH und zu wenig Wasser zugeführt hatte, was auch dazu passte, dass ich nur einmal Pieseln war. Somit kam mir als erstes in den Sinn, den Trinkgurt zu entsorgen, da auch dieser nur Maltogebräu enthielt. Weil ich nicht warten wollte, bis ich ihn meiner Frau an der Strecke geben konnte, warf ich ihn einfach auf eine Wiese, ade. Ich war zwar um 1 kg erleichtert, musste jedoch zur Kenntnis nehmen, dass  meine Beschwerden zunahmen. Das muss so nach  zwei Kilometern gewesen sein, als ich die erste Zeitmatte überlaufen hatte. Ich sehnte jetzt verzweifelt ein Dixiklo herbei, doch es war zunächst keines in greifbarer Nähe. Mir ging jetzt schon panikartig durch den Kopf, wie peinlich es sei, hier auf der Strecke inmitten von Zuschauern meine Notdurft verrichten zu müssen. Soweit kam es Gott sei Dank nicht. An der nächsten Verpflegungsstelle, die ich nach ca. 25 Minuten erreichte, ließ  ich mir einen Becher Wasser geben und nahm diesen mit aufs Dixiklo, welches direkt nebenan aufgestellt war. Die Adern am Kopf platzen fast, dennoch verließ ich die Schüssel nach einigen Minuter unverrichteter Dinge. Ich lief wieder an, ging wieder , das mehrmals und nochmal aufs Dixiklo mit dem selben Ergebnis. Ein Passant motivierte mich, es nochmal zu versuchen, was ich auch tat, efolglos, die Krämpfe blieben selbst beim Gehen. Ich resignierte und warf gedanklich das Handtuch. Ein Streckenposten hatte das mitbekommen, ich erklärte ihm die Situation und das ich aufgeben wolle. Er fragte noch besorgt, ob er mir ein Fahrzeug rufen solle, dass mich zurück zur Wechselzone zu bringt. Ich nahm das Angebot dankend an. Es kam ein Krankenwagen. Ich stieg ein, erklärte den beiden Sanitätern (oder Ärzten, keine Ahnung) meine Situation, musste meine persönlichen Daten angeben, wurde verkabelt, man nahm mir Blut ab, überprüfte Herzfrequenz und Blutdruck. Alles soweit in Ordnung, nur der Blutzuckerspiegel lag mit 69 mg/dl recht niedrig. Sie müssten mich jetzt zur weiteren Untersuchung ins Krankenhaus fahren, meinte die junge Sanitäterin oder Ärztin. Dies lehnte ich jedoch ab, musste allerdings einen Zettel unterschreiben, dass ich jedes weitere Risiko selbst trage. Zur Wechselzone fuhren sie mich nicht, dafür seien sie nicht zuständig und ich müsse mir, wenn ich nicht laufen könne, ein Taxi bestellen. Das wiederum fand ich unpassend. Ich stieg aus und startete doch noch einen letzten vergeblichen Laufversuch, kehrte wieder um und wanderte über die Hohenzollernbrücke zurück zur Wechselzone. Auf dem Weg dahin musste ich mir noch ein paar Kommentare von Passanten anhören, dass ich schon müde sei und keine Lust mehr hätte usw. Das machte meine Stimmung zwar nicht besser, ärgerte mich aber auch nicht wirklich, diese Idioten hatten einfach keine Ahnung. Ich meldete mich offiziell beim Kampfrichter ab, ließ mir meinen Kleiderbeutel aushändigen , suchte und fand meine Frau, meinen Bruder und meine Schwägerin, die sehr überrascht waren und mich sogleich umarmten und trösteten.

Ich bin mir nicht bewusst, einen wirklichen Fehler bei der Ernährung begangen zu haben, und ob die Gummibärchen mit ursächlich waren, möchte ich bezweiflen, denn auch während der Vorbereitung habe ich teilweise nachts Gummibärchen, Schokolade und ähnliches gegessen.

Trotz des misslungenden Langdistanz Debüts fällt eine Last von mir ab, so dass ich mich erstmal in Ruhe erholen kann und werde. Vielleicht kam dieses Scheitern gerade zum richtigen Zeitpunkt. Durch die guten Ergebnisse bei den Wettkämpfen in den lezten 12 Monaten war ich schon ein wenig erfolgsverwöhnt, und ich war mir ziemlich sicher, den Ironman zu finischen, es war für mich nur eine Frage, in welcher Zeit. Ich bin diesbezüglich selbstkritsich und betrachte diese Einstellung im Nachhinein schon fast als überheblich.

Die triathletische Saison ist hiermit für mich beendet und die nächste ist bereits geplant, somit werfe ich die Flinte nicht ins Korn, sondern starte im kommenden Jahr einen neuen Versuch auf der Langdistanz in Roth!