Ziel erreicht – ich bin ein Ironman

Das Deb├╝t im letzten Jahr in K├Âln endete bekanntlich leider mit einem DNF, doch ich lie├č mich nicht entmutigen und wagte einen zweiten Versuch. Dieser war f├╝r Anfang Juli 2014 in Roth geplant, doch mitten in der Vorbereitung sagte ich die Teilnahme aus beruflichen Gr├╝nden ab. Wenige Tage sp├Ąter meldete ich mich ersatzweise f├╝r die Challenge Almere-Amsterdam an und buchte dort gleichzeitig unseren Familienurlaub. Im Nachhinein betrachtet brachte die Absage in Roth sogar einige Vorteile mit sich, eine l├Ąngere und entspannte Vorbereitungszeit und Zeit genug, mir ein richtiges Triathlonrad zu g├Ânnen und einzufahren.

In Zahlen :

Zeit 11:51:31 h
Platz 246 von 495 (AK 24 von 70)
Swim : 3,8 km | 1:16:57 h | 20:15 Min/km
1. Wechsel : 9:57 Min
Bike : 180,5 km | 6:07:25 h | 29,5 km/h |NP 152 W | 137 (74%)
2. Wechsel : 4:55 Min
Run : 42,2 km | 4:12:17 h | 5:59 Min/km | 147 (77%)

In Worten:

Hoffentlich ├╝berstehe ich die Vorbereitung ohne Verletzung und Erk├Ąltungen und stehe gesund am Start, hoffentlich ├╝bersteht mein Bike die Fahrt auf dem Fahrradtr├Ąger unbeschadet bis Almere, hoffentlich wird das Rad nicht vom Fahrradtr├Ąger geklaut, w├Ąhrend ich die Startunterlagen abhole, hoffentlich bin ich bei den durch Baustellen und Absperrungen verminten Stra├čen p├╝nktlich am Start und hoffentlich ist die Schwimmbrille dicht, wenn der Startschuss f├Ąllt!

Dies waren die Gedanken, die mir vorm Rennen durch den Kopf gingen und f├╝r eine permanente Anspannung sorgten. Alles verlief bis auf ein paar nicht erw├Ąhnenswerte Kleinigkeiten reibungslos, zum Gl├╝ck!

Ein unbeschreibliches Gef├╝hl durchfuhr mich, als ich gemeinsam mit den anderen Athleten durch dramatische Musik begleitet zum Schwimmeinstieg ├╝ber den Teppich marschierte. Mein Blick war auf die im Wind wehenden Landesfahnen gerichtet und ich f├╝hlte mich, als st├╝nde ich auf dem Spielfeld eines Fu├čball WM Finales, w├Ąhrend die Nationalhymne erklingt!

Dann ging alles ganz schnell, es blieb keine Zeit zum Einschwimmen und Testen, ob die Schwimmbrille abdichtet. Ein paar Z├╝ge gemacht und mehrmals die Brille justiert, dann fiel auch schon der Startschuss. Es war ein Gew├╝hl im Wasser, wie ich es bisher noch nicht erlebt habe, aber ich lie├č mich nicht aus der Ruhe bringen und fand relativ schnell meinen Rhythmus. Ich f├╝hlte mich gro├čartig in Form, ganz anders als im Training, das motivierte mich sehr. Ich versuchte, immer konzentriert lange Z├╝ge zu machen, frei nach Talerson, und dabei den Kopf tief zu halten mit Blick nach unten. Nur die roten Bojen, die die Strecke markierten, erkannte ich immer recht sp├Ąt und dass ich zu weit abgedriftet war, allerdings nur in der ersten Runde. Im zweiten Durchgang schwamm ich ein nahezu perfektes Dreieck von Boje zu Boje. Ich war vorgewarnt, dass Schlingpflanzen das Vorankommen erschweren. Ganz so schlimm war es jedoch nicht, dennoch, einige Male musste ich mir das Kraut aus dem Gesicht entfernen.
Ein kurzer Blick auf die Uhr am Ende der ersten Runde verriet mir eine verdammt gute Zwischenzeit, mit der ich nicht gerechnet hatte. Das gab mir zus├Ątzlichen Auftrieb bzw. Antrieb! Ich sagte mir immer wieder ÔÇô locker bleiben Junge, du bist gut drauf heute ÔÇô und ich machte Meter um Meter, Zug um Zug und das irgendwie fast m├╝helos.
Und dann war das erste Etappenziel in greifbarer N├Ąhe, nur noch ein paar Z├╝ge und ich war noch richtig fit, keine Spur von ausgepowert wie noch vor 6 Wochen nach 1,9 km beim M├Âhnsesee-Triathlon, genial! Sehr erleichtert passierte ich die Zeitmatte 5-10 Minuten schneller als erwartet und rannte in die Wechselzone.

Beim Wechsel h├Ątte ich Zeit sparen k├Ânnen, wenn ich das Kompressionsoberteil bereits beim Schwimmen getragen h├Ątte. Es verging eine halbe Ewigkeit bis ich endlich in das enge W├╝rstchen reingeschl├╝pft war. Aber ich wollte mit trockenem Oberteil auf die Radstrecke gehen und nahm den Zeitverlust in Kauf.

Auf dem Rad pendelte sich der Puls relativ schnell nach unten ein, ein Zeichen, dass ich mich beim Schwimmen nicht verausgabt und K├Ârner gespart hatte. Die ersten Kilometer f├╝hrten ├╝ber schmale Radwege, ├ťberholen war zwar m├Âglich, jedoch nicht ungef├Ąhrlich. Ich hielt mich streng an meine Strategie, die ersten 90-120 km defensiv zu fahren und stur meine geplante Trittleistung zu halten. Ich hatte immer den Leitspruch von Arne Dyck (Triathlon-szene.de) im Hinterkopf, dass, wenn man anfangs permanent ├╝berholt wird, genau das richtige Tempo eingeschlagen hat und all diejenigen auf der zweiten Runde wieder einsammeln wird, die zu schnell gestartet sind. Und genau so war es, ich wurde permanent ├╝berholt, von sehr vielen Mitteldistanzlern, die nur eine Runde fahren mussten, aber auch von sehr vielen Langdistanzlern. Vermutlich waren es einige von denjenigen, die sich bereits auf dem Rad so verausgabten, dass sie gar nicht mehr auf die Laufstrecke gingen.

Ich war zwar mental schon auf den ca. 30 km langen K├╝stenabschnitt mit vorhergesagtem starken Gegenwind vorbereitet, allerdings war es dann doch noch wesentlich h├Ąrter als ich mir vorgestellt hatte. Ich musste wie bei einem steilen Anstieg aufs kleine Kettenblatt runter schalten, um mit hoher Trittfrequenz kurbeln zu k├Ânnen. Der Schnitt rauschte in den Keller, was mich aber nicht k├╝mmerte, ich fuhr stur nach Wattmesser und machte nicht den Fehler wie in K├Âln, auf die Tube zu dr├╝cken, um den gew├╝nschten Schnitt zu halten. Dies sollte sich auf der zweiten Runde und am Ende des Tages auszahlen.

Endlich war dann der K├╝stenabschnitt ├╝berstanden und ich kam in den Genuss von R├╝ckenwind. Hier w├Ąre es fast zu einem Crash gekommen, weil ein Zuschauer auf die Fahrbahn rannte, um einen Bekannten anzufeuern. Nur durch einen lauten Schrei konnte ich ihn auf mich aufmerksam machen und Schlimmeres verhindern! Er entschuldigte sich zwar, aber das h├Ątte mir auch nichts mehr gen├╝tzt. Trotz R├╝ckenwind ├╝berholte ich jetzt nur ein paar Mal, da die Strecke zu diesem Zeitpunkt ├╝berf├╝llt war. ├ťberholen w├Ąre einem sinnlosen und kr├Ąfteraubenden stop and go gleichgekommen.

Die zweite Runde war wesentlich einsamer, ich konnte gleichm├Ą├čiger fahren, weil ich kaum noch ├╝berholt wurde. Dadurch entfiel das Temporausnehmen, um den geforderten Mindestabstand von 15 m zum ├ťberholenden herzustellen. Auf dem landschaftlich sehr sch├Ânen K├╝stenabschnitt sammelte ich diesmal nach und nach Fahrer und Fahrerinnen ein. Meine Strategie ├Ąnderte ich insofern, dass ich die Intensit├Ąt in Runde 2 nicht wie geplant erh├Âhte, sondern beibehielt bzw. sp├Ąter sogar reduzierte. Ich wollte nichts riskieren, nur um ein paar Minuten gut zu machen! Als ich auch zum zweiten Mal den 30 km Gegenwind getrotzt hatte, war das Schlimmste ├╝berstanden und als die Stra├čen wieder breit genug waren, ├╝berholte ich m├╝helos einen nach dem anderen, bis mich nach ca. 5 Std leichte Magenkr├Ąmpfe heimsuchten. Sofort lief der Film vom letzten Jahr in K├Âln im Kopf ab! Blo├č nicht schon wieder dachte ich, dann schmei├č ich alles in die Ecke! Doch ich bewahrte Ruhe und tat das, was man in solchen F├Ąllen tut, Gels und Zuckerpl├Ârre weglassen, erst mal nur Wasser trinken und etwas Tempo rausnehmen, damit die Verdauung wieder besser funktioniert. Gott sei Dank war zum Ende des Radsplits alles wieder in Ordnung!

Mit guten Beinen lief ich in die Wechselzone, wunderbar, alles in Butter!
Als ich die erste von 6 Runden durch den Zuschauerkorridor lief, f├╝hlte ich mich frisch, richtig gut sogar, ein unbeschreibliches Gef├╝hl, gro├čartig! Mein Tempogef├╝hl war gut, relativ schnell pendelte ich mich bei 5:25 Min/km ein, was mir ziemlich langsam vorkam, aber ich wusste, dass sich das sp├Ątestens nach 3 Runden ├Ąndern w├╝rde. Und damit behielt ich recht!

Nachdem ich 21 km abgespult hatte, wurde es h├Ąrter, ich hatte einen leichten Durchh├Ąnger und nahm jetzt jede Verpflegungsstation mit, um Wasser und Cola zu trinken und mich mit nassen Schw├Ąmmen zu erfrischen. Und ich nahm Tempo raus! Viele Leidensgenossen gingen jetzt bereits, davon war ich weit entfernt. Falls es wirklich ganz hart werden sollte, nahm ich mir vor, noch langsamer zu laufen, aber nicht zu gehen, einerseits wegen meines Egos und weil man dadurch sehr viel Zeit verliert! Die Pace um 1 Minute laufend zu verlangsamen kostet z.B. auf den letzten 10 Kilometern nur 10 Minuten, zu Gehen dagegen bedeutet ca. 90 Minuten Zeitverlust.

Bei Vollendung der 4. Runde stand meine Frau freudestrahlend und mir zujubelnd mit Fotoapparat an der Zeitmatte! Wie viele Runden noch? ÔÇ×Nur noch 2ÔÇť rief ich und war fest entschlossen, jetzt nichts mehr anbrennen zu lassen. Die Durchh├Ąnger kamen und gingen, nur ich ging nicht, ich lief, nicht schnell, aber wie ein Uhrwerk und immer wenn ich die Runden um den See halb vollendet hatte und auf der anderen Seite Start/Ziel erblickte, war es, als w├╝rde jemand Brennstoff in meinen Ofen werfen, um mich anzutreiben.

Als auch die vorletzte Runde im Sack war, verriet mir ein Blick auf die Uhr, dass mir eine Pace von 6:30 auf der finalen Runde gen├╝gen w├╝rde, um unter 12 Stunden zu finishen. Jetzt war ich mir sicher – heute holst du dir die Medaille – und wenn nicht noch der Hammermann zuschlagen w├╝rde, in sub 12! Wie von selbst schaltete sich nun mein Turbo ein und beschleunigte mich auf 5:20 Min/km! Bist du bescheuert, ermahnte ich mich, wozu, und schaltete ihn wieder aus. Dieses Spiel wiederholte sich mehrmals, aber mein Siegeswille lie├č weder dem Hammermann noch dem inneren Schweinehund eine Chance.

Das Ziel war in greifbarer N├Ąhe, noch 2 km, noch 1km, ich h├Ârte bereits die Musik und die Ansagen durch die Lautsprecher, ein berauschendes Gef├╝hl! Ein letztes Mal zog ich das Tempo an, bog in den Zielkorridor ein, streifte das letzte von 6 Rundenb├Ąndchen ab und rannte mit geballten F├Ąusten ├╝ber die Ziellinie!

Ein unbeschreiblich geiles Gef├╝hl, ich bin ein Ironman, der Lohn f├╝r zwei Jahre hartes und konsequentes Training!

0 Kommentare bei ÔÇ×Ziel erreicht – ich bin ein IronmanÔÇť

  1. sehr eindr├╝cklich und glaubhaft beschrieben. Klasse!

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