400 km Brevet Giessen – ein missglückter Versuch

Da anzufangen, wo ich im letzten Jahr – ziemlich frustriert – aufgehört hatte, war eigentlich nicht mein Plan für 2017!

Das 2016er 400km Brevet in Warberg lief – abgesehen von den massiven Sitzproblemen – super. Nach knapp unter 20 Std. erreichte ich mit Kraft- und Konditionsreserven das Ziel.

Um die Sitzprobleme in den Griff zu kriegen, testete ich seitdem unzählige Sättel und landete bei zwei Modellen von Brooks und Selle. 6 stündige Touren fühlten sich mit beiden super an. Andernfalls hätte ich meine Randonneurslaufbahn nicht fortgesetzt. Und ein Umstieg auf ein Liegerad kam erstmal nicht in Frage. Nicht mein Ding! Noch nicht!

Jetzt musste ich nur noch Kilometer sammeln und die Brevet Serie 200-300-400-600 km erneut in Angriff nehmen. Diesmal komplett in Giessen, nur eine Stunde von zu Hause entfernt.

Dieser Plan ging leider nicht auf. In der Nacht vor dem 200 km Brevet am 18. März wachte ich mit Halschmerzen auf und sagte kurzfristig ab. Es entwickelte sich ein hartnäckiger Infekt, infolgedessen ich ebenso das 300 km Brevet am 1. April absagen musste.

Ich empfand dies aber nicht als tragisch und meldete mich für die Serie in Warberg an, die erst am ersten Wochenende im Mai mit dem 200er beginnt.

Nach dem Infekt fühlte ich mich rasch wieder fit. 100 km Touren spulte ich nach 2 Wochen Training wieder problemlos ab. Deshalb entschied ich mich spontan dazu, doch – wie ursprünglich geplant – gestern beim 400 km Brevet in Giessen an der Start zu gehen. Dann hätte ich den 400er in der Tasche – glaubte ich – und brauchte nur noch die 200 km und 300 km in Warberg nachzuholen.

Dieser Blogeintrag wäre noch nicht online, wenn mein Plan funktioniert hätte! Aber alles der Reihe nach:

Gut gelaunt, optimistisch und wieder mal als erster kam ich gestern Abend am Gebäude C21 der THM Gießen an. Der „noch“ Startort des „ARA Mittelhessen“.

Wir starteten pünktlich um 21 Uhr mit 18 Randonneuren. Gemeldet waren 25.

Am ersten längeren Antieg setzte sich ein Feld aus etwa 10 schnellen Jungs ab. Die sah ich nicht mehr wieder. Ich fühlte mich gut und die Nachtfahrt war klasse. Selbst die Bundesstraßen, die ich sonst meide und hasse waren nach Mitternacht wie leergefegt. Zudem hatten wir Rückenwind. Bis zur 2. Kontrolle bei 124 km – am nördlichen Zipfel der Strecke – in „Hessisch Lichtenau“ lief es wie geschmiert. Das war um 03:17 Uhr. Leider hat die Dame an der Kasse der ARAL Tankstelle nicht die Uhrzeit notiert, doch mein Foto ist der Beweis.

Christian musste ich auf dem Weg zu nächsten Kontrolle ziehen lassen. Schade, denn ein gutes Stück bis „Hessisch Lichtenau“ sind wir zusammen gefahren. Dass passte vom Tempo gut und wir hatten Gelegenheit uns nett zu unterhalten. Doch ich fror jetzt an den Händen und am Oberkörper und musste anhalten und mich umziehen. Danach hatte ich den ersten Durchhänger. Zunehmende Müdigkeit machte mir zu schaffen. Der letzte Schlaf lag bereits 24 Stunden zurück. Kernige Anstiege und mittlerweile auch Gegenwind erhöhten den Schwierigkeitsgrad.

Um 05:31 erreichte ich kurz nach Christian Kontrolle 3 in Knüllwald, wieder eine ARAL Tankstelle. Wenige Minuten später trafen Henrik und zwei weitere Randonneure ein. Nachdem ich mir einen Kaffee, eine Laugenbretzel und eine Bockwurst einverleibt hatte, schien das Tief überwunden.

Wenige Minuten nach Christian machte ich mich allein auf den Weg zur nächsten – knapp 100 km entfernten – Kontrolle nach Heubach. Das Essen lag mir schwer im Magen und mir war es nun entweder zu warm oder, nachdem ich eine Schicht abgelegt hatte, zu kalt. Und es fing an zu regnen und ging „höhenmetermäßig““ wieder ordentlich aufwärts. Eigentlich mag ich das auf und ab, aber nicht zu diesem Zeitpunkt. Gefühlt kam ich nur noch in Zeitlupe voran. Die Kilomteranzeige auf meinem Edge wirkte wie eingefroren. Ab diesem Zeitpunkt kamen erste Abbruchgedanken auf. Ich zog sogar in Erwägung, mir im nächsten Ort ein Taxi zu ordern und mich nach Hause kutschieren zu lassen. Ich hatte erst knapp 180 km zurückgelegt und konnte mir unmöglich vorstellen, nochmal 220 km dranzuhängen.

In Oberaula machte ich kurze Zeit später Halt an einer Bushaltestelle. Einer der beiden Randonneure, die an der letzten Kontrolle nach mir gestartet waren, machte hier ebenfalls Pause. Beide hatten mich unterwegs bei meinen mehrfachen „stop and goes“ überholt. Er fuhr weiter, ich blieb und hörte meinem inneren Schweinehund bzw. meiner Vernunftsstimme zu, die die Schnauze voll hatte.

Ich schlüpfte in trockene Klamotten und fixierte das Straßenschild „Schwalmstadt 24 km“ und zwar Richtung zu Hause. Das Brevet ging in die andere Richtung. Aber ich hielt es für vernünftig, die Abkürzung zu nehmen und nahm sie. Schlagartig wurde meine Stimmung besser, obwohl es weiterhin unaufhörlich regnete. Nicht umsonst sagt man, dass lange Brevets mit dem Kopf bewältigt werden.

Das Ziel war jetzt das warme Wohnzimmer zu Hause, mit ein paar Schlenkern etwa 70 km weit weg, und nicht das ebenfalls 70 km entfernte Heubach mit anschließenden 150 km bis Gießen.

In Schwalmstadt machte ich beim Bäcker nochmal eine Frühstückspause und informierte Christians Frau über meinen Abbruch. Es hörte jetzt zwar auf zu regnen, aber dafür hatte ich bis nach Hause starken Gegenwind. Alles halb so schlimm! Aber mein Hintern, ab ca. 220 km plagten mich nun doch wieder Sitzbeschwerden und nicht zu knapp. Selbst bei bestem Wetter und bester Moral hätte ich heute bei 400 km wieder die gleiche Sitzhölle wie im letzten Jahr durchleben müssen.

Ganz ehrlich, ich hab in diesem Moment ernsthaft darüber nachgedacht, ob ich nicht doch lieber Wellnessradfahrer mit maximalen Distanzen bis 200 km werde.

Mittags war ich zu Hause, ohne Groll über das abgebrochene Brevet. Ich muss weder mir, noch anderen etwas beweisen. Radfahren soll mir Spaß machen und das war heute bereits ab ca. 160 km definitiv nicht mehr der Fall.

Etwas gutes hatte die Abkürzung dann aber doch. Ich habe zwischen Schwalmstadt und Gemünden ein neues und schönes Radrevier entdeckt.

Am Ende kamen immerhin 253 km und 3168 Höhenmeter zusammen. Gute Grundlage für die nächsten Brevets!

2 Kommentare bei „400 km Brevet Giessen – ein missglückter Versuch“

  1. Tut mir echt leid für dich. Der 400er war (nicht nur) für den Saisonstart eine harte Nuss. Der eisige Wind hat bei mir auch nicht für Stimmung gesorgt. Die Brevets bei Karl sind meiner Meinung nach einfacher, obwohl steigungsmäßig auch interessant. Mach weiter! Grüße von Henrik

    1. Danke! Ja, war in der Tat ein ordentliches Brett und offensichtlich war ich nicht der einzige der kapituliert hat. Ich mache auf jeden Fall weiter! LG Michael 🙂

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