Wer einen detaillierten Streckenbericht mit ausführlicher Landschaftsbeschreibung erwartet, wird sicher enttäuscht sein. “Leiden ohne zu klagen” hat einmal eine alte Dame zu mir in der Sauna gesagt, als ich stöhnend unter der eiskalten Dusche stand.

Bei einem Brevet darf man leiden und auch klagen. Wie es mir am Pfingstsamstag beim 400 km Ostfalen Brevet ergangen ist, könnt ihr hier nachlesen.

Ich hatte mich wieder bei Frau Riesche in Warberg einquartiert. Mit 6 Randonneuren belegten wir sämtliche Zimmer der sehr empfehlenswerten Pension. Sogar die Gartenlaube wurde als Einbettzimmer für A. aus I. umfunktioniert. Damit machten die Riesche-Randonneure immerhin 25% des gesamten Starterfeldes aus.

Die Wettervorhersage prognostizierte teilweise Regen, Starkregen, Hagel und Gewitter, das volle Programm, aber eben nur mit einer Wahrscheinlichkeit von unter 100 Prozent.

Als ich mich Samstagmorgen kurz vor 8 Uhr auf den Weg zu Hartmut in den Elmweg machte, waren bereits dunkle Gewitterwolken aufgezogen. Es donnerte und regnete leicht. Beim pünktlichen Start um 8:30 Uhr war der Spuk erstmal wieder vorbei.

Ich erwische gleich eine 8er Gruppe, die sich mit einem 29er Schnitt zügig, aber dennoch moderat Richtung 1.Kontrolle voran bewegt. Etwa 15 km vor Holle hat L. einen Platten. Ich helfe ihm sein Rad wieder flott zu machen. Zu zweit folgen wir der Gruppe, die an der Tankstelle in Holle auf uns wartet. Die anderen sind schon startklar. Wir beide lassen uns schnell den ersten Stempel ins Brevet Kärtchen drücken und fahren ohne Pause gemeinsam mit der Gruppe weiter.

Kurze Zeit später, nach etwa insgesamt 100 gemeinsamen Kilometern, lasse ich abreißen. Ist mir doch etwas zu schnell. Ich möchte mich nicht unter Druck setzen lassen und mir meine Kräfte einteilen. L. ist so nett und wartet auf mich. Wir fahren ein Stück zusammen, aber an dem langen Anstiegen nach Wulften kann ich nicht folgen bzw müsste mich zu sehr verausgaben um dranzubleiben. Ich nehme Tempo raus und mache oben auf der Höhe einen Fotostopp und lasse L. ziehen.

Dunkle Gewitterwolken stehen am Himmel und es fängt an zu regnen. Ich schlüpfe in meine Regenjacke und rolle ins Tal. Mittlerweile schüttet es ordentlich.

In Wulften suche und finde ich einen Unterschlupf. L. ist ebenfalls dort in Deckung gegangen. Als der Regen nachlässt, fahren gemeinsam weiter.

Wenig später zieht ein Gewitter auf, so richtig mit Donner und Blitz. Ich fühle mich etwas unbehaglich. Ich möchte nicht vom Blitz getroffen werden und halte nach einem geeigneten Unterstand Ausschau. Wir haben Glück, in Strohkrug treffen wir den Rest der Gruppe unter einem schützenden Dach. Keine Ahnung mehr, was das genau war. Jedenfalls ist genügend Platz für uns alle, ja sogar für unsere Räder. Alle haben gute Laune und nutzen die Zwangspause zum Plaudern. VW Mitarbeiter unter sich.

Nach dem Gewitter fahren wir gemeinsam weiter. Mir ist es zu warm, deshalb halte ich nochmal kurz an und ziehe schnell meine Regenjacke aus. Ich versuche wieder an die Gruppe ranzufahren. Aber das kostet Körner. Auf dem Wirtschaftsweg mit der gefährlichen Querrinne bei Krebbeck hab ich den Abstand auf wenige Hundert Meter verringert. L. wartet an der Gefahrenstelle auf mich, Danke! Gemeinsam gehts weiter. An dem knackigen Anstieg bei Landolfshausen verliere ich wieder den Anschluß, außerdem muss ich pinkeln. Zwei Fotos und weiter gehts.

Kurze Zeit später holen mich 2 Randonneure ein. Zunächst folge ich den beiden mit etwas Abstand, um mich nicht wieder unter Druck zu setzen. Doch die freundlichen Jungs nehmen Tempo raus und laden mich ein mitzufahren. So eine freundliche Geste nehme ich natürlich gern an. Wir unterhalten uns nett und pedalieren gemeinsam bis nach Heiligenstadt, wo sich unsere Wege wieder trennen.

Die beiden haben offensichtlich Hunger auf Currywurst oder Döner und halten an einer Imbissbude an. Ich fahre zur nur wenige Meter entfernten Kontrolle und hole mir Stempel Nr.2. ab. Auch die ursprüngliche Gruppe ist dort versammelt, aber bereits im Aufbruch.

Nur L. lässt sich etwas mehr Zeit. Als ich wieder startklar bin, informiere ich ihn, dass ich schon mal allein weiterfahre.

Kurz hinter Heiligenstadt ist er bereits wieder an meinem Hinterrad. Wir bleiben zunächst ein ganzes Stück zusammen. Doch es wird bergiger und ich muss wieder abreißen lassen. Dafür genieße ich auf der Höhe zwischen Dachrieden und Kaisershagen den herrlichen Ausblick ins Unstruttal.

Hier überholt mich der sehr sympathische bayerische Randonneur, der in der Gartenlaube von Frau Riesche übernachtet hat. Kurze Zeit später gießt es wieder ordentlich von oben. Ich hab mich schon dran gewöhnt, bin aber durch den Regen irgendwie unkonzentriert und verpasse zweimal die richtige Abfahrt. Sind aber jeweils nur ein paar hundert Meter, bis ich den Fehler bemerke.

Wenige Kilometer vor der 3. Kontrolle in Greußen sammeln mich drei Randonneuren ein, u.a. die beiden, die mich vor Heiligenstadt zur Mitfahrt eingeladen hatten. Wir rollen gemeinsam bis zur Kontrolle. Ich brauche hier was deftiges zwischen die Zähne, eine Bockwurst mit Senf, denn mein Trockenobst hängt mir zum Hals raus.

Bereits hier nach 241 km deutet sich an, dass ich wieder Sitzprobleme kriegen werde. Das Sitzpolster ist durch den Regen durchgeweicht und der Bereich um die Sitzknochen leicht gereizt. Vorsichtshalber lege ich mich trocken und wechsele die Hose. Ohne Begleitung gehe ich die vorletzte und 125 km langen Etappe an. Sie führt mich durch den Südharz nach Oschersleben.

Zunächst komme ich nicht richtig in Tritt und habe einen Durchhänger. Mit zu vollem Magen und leicht brennenden Beinen komme ich nur im Schneckentempo voran. Und je weniger Druck ich auf den Pedalen habe, desto größer ist der Druck und damit der Schmerz an meinem Allerwertesten. Auch die Hände tun mir so langsam weh, so dass ich ständig die Griffposition ändern muss. Man, bin ich ein Weichei. Darf man nach 250 km als Randonneur schon jammern? Ich tue es einfach!

Etwa 10 km hinter Greußen ist das physische und psychische Loch überstanden. Ich genieße wieder das Radeln und die herrliche Umgebung. Kurz vor dem ersten langen Anstieg in den Südharz bekomme ich erneut Gesellschaft. Von wem wohl? L. wartet an einem Bahnübergang, dass sich die Schranken öffnen. Auch er klagt über leichte Sitzbeschwerden. Geteiltes Leid ist halbes Leid.

Nach kurzer gemeinsamer Bergauffahrt muss ich leider erneut abreißen lassen, erhalte aber Gesellschaft von hinten. M. der sich kurz zuvor im Tal übergeben hat, zieht langsam an mir vorbei. Ich bleibe dran, das Tempo passt gut. Bis zum Erreichen der Kuppe glaube ich allerdings, dass ich dem humorvollen und sympathischen P. aus D. folge, einer der Riesche-Randonneure, den ich bereits letztes Jahr beim 200er Brevet in Gießen kennengelernt habe. Beide waren mit Rucksack unterwegs, deshalb vermutlich die Verwechslung. Ich wunderte mich zwar, dass P. ein unangenehmes Stroboskoplicht als Frontlicht benutzt, was m.E. so gar nicht zu einem so erfahrenen Randonneur passt, wie er es ist. Und ich war etwas irritiert, dass er nicht reagierte, als ich ihn ansprach. Aber vielleicht kämpfte er bergauf mit sich selbst und wollte in Ruhe gelassen werden, so dachte ich zumindest.
Dass es nicht P. sondern M. war, erkannte ich erst, als er mich – oben angekommen – fragte, wie weit es noch bis in Ziel sei. Er stöhnte und schien fix und fertig zu sein, erst recht, als ich im antwortete, dass noch etwas mehr als 100 km vor uns liegen.

Auf dem Weg ins Tal verlor ich ihn aus den Augen und ich hoffe, er ist gesund in Warberg angekommen.

Exakt um 23:14 Uhr und 300 km in den Beinen funke ich meine Frau an, dass ich noch 100 km fahren muss. Ich hatte bis dahin noch kein Lebenszeichen von mir abgegeben und sie sollte sich keinen Sorgen machen.

In irgendeinem Kaff – zwischen den zwei längsten Anstiegen im Harz – halte ich an einer Bushaltestelle an und wechsle die feuchten Oberteile. Gut das ich wieder reichlich Ersatzklamotten eingepackt hatte, auch wenn sich der ein oder andere andere Randonneur über meine üppige Ausrüstung amüsiert. Während ich halbnackt und mit Stirnlampe in meiner Satteltasche nach dem trockenen Trikot krame, rauscht P. aus D. an mir vorbei. Er bremst kurz, so als wäre er unentschlossen, ob er anhalten soll, fährt dann aber doch weiter. Wie sich später herausstellt, suchte er ebenfalls ein geschütztes Örtchen. Und ich habs ihm vor der Nase weggenommen, hat er mir nachher gesagt. Aber direkt gegenüber war noch eins, das hast Du wohl übersehen mein lieber P. Und ich hätte meinen Unterschlupf auch gern mit Dir geteilt!

Nach ein paar Minuten überhole ich P. wieder. Er steht am Straßenrand. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob da was zum unterstellen war. Jedenfalls wirkte er nicht hilfsbedürftig, deshalb hielt ich nicht an.

Kurz vor Oschersleben tut mir mein Arsch wieder ordentlich weh! Sorry für die Ausdrucksweise, aber genau das denke ich in solchen Momenten. “Sitzbeschwerden” ist nur die anständige Ausdrucksweise beim Schreiben.

Als ich gegen 3 Uhr in der Früh an der “Tanke” mit Nachtschalter ankomme, ziehe ich – wie im letzten Jahr – die zweite, feuchte Radhose drüber. Grölende Handwerker in Arbeitskleidung und und mit Krombacher Flaschenbier in der Hand beobachten mich dabei kommentarlos. Außer mir ist noch ein Randonneur mit 3-Rad dort. So richtig taufrisch sieht er auch nicht mehr aus. Er macht sich auf den Weg und wünscht mir gute Fahrt. Ich überhole ihn wieder an einem Anstieg. Dass er sich wegen Schienbeinbeschwerden für einen Abbruch entschieden und abgekürzt hat, erfahre ich erst, als wir gemeinsam in Hartmuts Wohnstube sitzen. 350 km hatte er dennoch auf seindem Tacho, Respekt!

Die 35 km bis nach Warberg waren noch mal ein physisches und psychisches Auf und Ab. Die zwei Hosen übereinander, linderten zwar die Sitzbeschwerden, aber dafür taten die Hände nun umso mehr weh. Keine Griffposition war mehr wirklich bequem. Deshalb zog ich auch noch das zweite paar Handschuhe drüber. Auch hier half die doppelte Polsterung etwas gegen die Schmerzen. Als weiteres Handicap versagte die Schaltung ihren Dienst. Gott sei Dank nur der Umwerfer, so dass ich nicht mehr aufs große Kettenblatt schalten konnte. Wirklich tragisch war das allerdings nicht, denn für richtig dicke Gänge fehlte mir zu diesem Zeitpunkt ohnehin die Power.

Ich dachte zunächst der Schaltzug sei gerissen, hatte jedoch keine Lust diesen mitten in der Nacht zu wechseln. Aber immerhin hatte ich Ersatz an Bord.

Muss ich mir sowas wirklich weiterhin antun, ging es mir durch den Kopf! Mit Spaß am Radfahren hatte das nun wirklich nichts mehr zu tun. Sollte ich die Saison wie im letzten Jahr vorzeitig mit dem 400er beenden? Mal war ich dazu fest entschlossen und im nächsten Moment wieder nicht.

Die letzten 5 Kilometer bis Warberg ziehen sich nochmal wie Kaugummi. Und dann schlägt der Frust um 4:35 Uhr in Freude um, als ich bei Hartmut auf den Hof rolle und mir den letzten Stempel verpassen lasse. Nach 405 km in 20 Stunden ist die Freude zwar nicht überschwänglich, aber groß genug, um die Gedanken an ein vorzeitiges Saisonende zu verdrängen. Für Außenstehende “Nicht-Randonneure” ist dies vermutlich alles nicht nachvollziehbar, eher Masochismus! Doch genau für jene Momente eines Brevets, die absolut keinen Spaß machen, die weh tun und die man verflucht, folgt die Belohnung erst am nächsten Tag, wenn man eine Nacht drüber geschlafen hat und stolz darauf ist, dass man sich eben doch durchgebissen hat.

Vielen Dank an Hartmut für die tolle Strecke und die gute Organisation. Diesmal eine Kopfsteinpflaster Passage weniger als letztes Jahr und überhaupt fand ich die enthaltenen Hoppel Passagen weitaus weniger störend als in 2016.

Und Danke an meinen treuen und netten Begleiter L., der immer wieder auf mich gewartet hat. War sehr angenehm, mit Dir zu radeln und zu plaudern!